9. Dezember 2010

Schreiben ist wie malen!

Hier sind einige von mir erschienene Artikel für die Besucher meiner Homepage. Erschienen sind sie 2010 im Magazin „Hamburg Nord-Ost“ vom Dividan – Verlag.
Ich liebe es, Randfiguren und Erscheinungen zu betrachten. Kein Glamour, keine Horrormeldungen, die leisen Töne finde ich interessanter!
Viel Spaß beim lesen!
Ich nehme gerne Aufträge von Ihnen entgegen. Nehmen Sie Kontakt zu mir auf, ich melde mich umgehend zurück!

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1. Dezember 2010

Ein Gespräch mit Werner

Seit einigen Jahren sitzt oder steht Werner in Volksdorf zwischen zwei Bäckereien unter einem schönen alten Ahornbaum. Unaufdringlich und sympathisch dieses verlässliche Auftreten und ohne jemanden zu belästigen. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einem Schwung Mut neben ihn gesetzt, um mich mal mit ihm zu unterhalten.

Ganz langsam kommen wir ins Gespräch. Werner möchte nicht fotografiert werden. Schade, sage ich ihm, denn er sieht doch nett aus! Nein, er möchte nicht und überhaupt, was ich von ihm wolle? Nun, ein Gespräch und die Veröffentlichung darüber in diesem Blatt.

blog_wernerWas haben Sie für Pläne und Wünsche an die Zukunft?

Nach einigem Zögern kam eine klare Antwort: Er möchte gerne Texte veröffentlichen und suche einen Verleger dafür. Werner liest viel und zu einem Thema mehrere verschiedene Zeitungen. Nur dann erst könne er sich ein Bild machen über das  jeweilige Thema. Diese Artikel hat Werner mit seinen Kommentaren versehen und glaubt, das könne man doch mal veröffentlichen, oder? Ja klar, sage ich.

Werner möchte kein Mitleid, er möchte auch nicht in „Schubladen“ gesteckt werden. Er liebt seinen Freiraum und kann sich nicht vorstellen, diesen jemals wieder aufgeben zu müssen.

Die Würde möchte er sich behalten, das ist ganz wichtig. Menschen beobachten ist seine liebste Beschäftigung. Alles wiederholt sich doch nur im alltäglichen Einerlei, stellt er fest. Niemals betteln oder anderen Menschen das Gefühl geben, er bräuchte Hilfe, nein, das wolle er auf keinen Fall. Selten werde er von Menschen angefeindet und die positive Reaktion der Volksdorfer Bevölkerung erfreut ihn. Gespräche dieser Art seien zwar selten aber es finden Gespräche auf anderen Ebenen statt.

Viele wollen Hilfe anbieten, einige fragen ihn, ob er denn obdachlos sei?

Dieses Wort „obdachlos“ mag er nicht, das wäre schon wieder eine Schublade, er sagt dann lieber: Ich bin “homelos” und zufrieden. Lächelnd schaut er mich mit seinen freundlichen blauen Augen an und sagt:
Das können Sie schreiben, wenn sie wollen und vielleicht liest dies auch ein Verleger und meldet sich!

Dann Tschüss, Werner – bis zum nächsten Mal!

Aquarell: Susanne Carstens, 2010

Anm.: Name von der Red. geändert!

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10. November 2010

Die letzten und nahen Begleiter

Machen wir uns eigentlich Gedanken über die Sargträger? Wir alle haben sie schon bemerkt, auf Trauerfeiern, in Filmen und in Übertragungen aus dem Fernseher.
Mein Freund Manfred arbeitet in einer Trägervermittlung als Sargträger.  Als ehemaliger Ringer ist er groß und sehr stark! Nun kann er dieses Nebeneinkommen gut gebrauchen und Sie werden es nicht glauben, es bringt ihm sogar Spaß!

blog_manfred_u_uweNette Kollegen habe er, alle auch schon etwas betagter, so wie er selbst. Der „Zug“, so heißt die 8-köpfige Trägermannschaft trifft sich im Büro der Trägervermittlung und die Männer bekommen ihre Anweisungen bezüglich Termine und Bekleidungsvorschrift ihrer kommenden Einsätze. Trauerfeiern finden in verschiedenen Preiskategorien statt. Deshalb auch die Auswahl einfacher schwarzer bis hin zur festlichen Kleidung. Weiße Strümpfe, Schnallenschuhe und großer weißer Kragen, Degen und Dreispitz! Oder schwarzer Anzug mit Zylinder! Alles mit einer Art langem oder kurzem schwarzen Umhang, der locker um die Hüften fällt.

Der „Zugführer“, einer der acht Männer, fährt den Transporter und übernimmt die Verantwortung für pünktliches Erscheinen und korrektes Auftreten. In dem Transporter werden auch die jeweiligen Bekleidungen mitgenommen. Nicht selten müssen die Träger noch im Transporter warten, bis die Trauergäste in der Kapelle Platz genommen haben. Erst dann dürfen sie in den Aufenthaltsraum der Kapelle gehen und auf ihren Einsatz warten. Leise müssen sie sein und rauchen ist verboten.

Der Sarg steht dann schon an seinem Platz in der Kapelle oder in der Kirche auf einem Katafalk! Wenn die Feier fast beendet ist, kommt der Einsatz der Sargträger. Meistens mit acht Personen, an jeder Seite vier Mann. Am Kopfende und Fußende des Sarges liegt die größte Träger-Verantwortung. Die Kopfträger tragen das größte Gewicht und die Fußträger bestimmen die Schrittfolge und Geschwindigkeit. Blickkontakte zu den Trauergästen sind zu vermeiden.

Verständigt wird sich untereinander durch Kommandos vom Kopfträger. Selten gibt es kleine Störungen. Ein Sargdeckel öffnete sich einmal, dann mussten die Träger ihn diskret wieder während des Tragens verschließen.

Manfred erzählte eine kleine Anekdote:
Eine Trauerfeier mit anschließender Beerdigung wurde für die Träger zum Kraftakt. Es waren wegen einer Sozialbeerdigung nur sechs Träger vorgesehen. Zwei Träger sind während der Feier losgegangen, um den Transporter besser zu parken! Die Trauerfeier wurde entgegen des Zeitplanes 10 Minuten vorher beendet. Der Beerdigungsunternehmer bemerkte dies und verlangsamte seine Geschwindigkeit beim Hinaustragen der Kränze. Aber das half auch nicht, die restlichen vier Träger mussten den Sarg allein aus der Kapelle hinaustragen. Das war knapp, denn der Sarg war auch noch sehr schwer! Die Trauergäste haben nichts gemerkt! Die vier Träger hatten alle weiche Knie und waren froh, das souverän überbrückt zu haben.

Viele der Sargträger wollen nicht erkannt werden, denn irgendwie hängt noch ein Schleier von „nicht gesellschaftsfähig“ oder „Makel“ an dieser Tätigkeit. Ich frage mich, warum ist das so? Denn ich habe Hochachtung vor den Männern, die sich nicht zu schade sind, schwere Särge zu stemmen, stundenlang im Regen oder Sturm stehen zu müssen oder stumm ihren Dienst leisten müssen, auch wenn mal Träger ausfallen.

Es sind ja immerhin die letzten und nächsten Begleiter, keiner kommt den Verstorbenen am Schluss so nah wie ihre Träger.

 Anm.:  Namen von der Red. geändert

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21. August 2010

Ein Juwel im schönen Bergstedt: Kolonial – und Fettwaren im Kaufhaus Hillmer

Beim Betreten des kleinsten Kaufhauses in Hamburg-Bergstedt, was schreibe ich – in Deutschland – klingeln fröhlich die Türglocken wie in alten Zeiten!

blog_kaufhaus_3Der Empfang ist freundlich wie bei den anderen Kunden und Stammkunden auch. Die meisten Kunden werden mit ihrem Namen begrüßt, wo hat man das denn noch?
Es wird sich unterhalten, es wird gelacht und getröstet und vielleicht auch die eine oder andere Neuigkeit erzählt. Warum auch nicht?
Susanne Wischhöfer leitet jetzt den Laden in dritter Generation, eröffnet wurde dieses Juwel 1929 von Anna Hillmer, ihrer Großmutter.

Damals warb man mit den Kolonialwaren, es steht noch in großen Buchstaben über dem Laden. Die überseeischen Erzeugnisse aus den damaligen Europäischen Kolonien: Kaffee, Tee, Kakao, Zucker, Gewürze, Reis und Tabak! Bis dahin nur erhältlich in Fachgeschäften (Feinkostläden) in der Innenstadt. Dazu gab es die Fettwaren wie lose Milch, lose Butter und Sahne!

Kaufhaus HilmerEs ist leichter zu beschreiben, was es heute dort nicht gibt. Susanne Wischhöfer bietet alles an, außer Lebensmittel.  Was zufällig mal nicht vorrätig ist, besorgt sie für den Kunden in Windeseile!
Man entdeckt auf seiner kleinen Tour an den Regalen entlang Glasgallonen, mit und ohne Schlauch!
Wolle, Kurzwaren, Schreibhefte und Bastelsachen, Backutensilien, Zeitschriften und Tageszeitungen. Ersatzschläuche für den Entsafter! Glasflaschen und lose echte Korken in allen möglichen Größen. Emaille-Geschirr und Apfelpflücker!

Kolonial- & FettwarenOh, du selige Jugend: Ich erinnere mich an die gemeinschaftliche Apfelernte mit meinen Geschwistern im elterlichen Garten in den sechziger Jahren. Mit halb gefrorenen Fingern, vorsichtig die Äpfel auf die Stiege legend. Und dann danach der schöne Geruch im Keller!
Das Fallobst holte die Mosterei ab. Es gab danach Apfelsaft ohne Ende! Glücklich waren für uns die Kinder, die gelbe Brause bekamen!

Ich fand dann noch schöne Etiketten und Gläser für meinen Apfelgelee, einen Entsafter habe ich schon.

Dieser Besuch im Kaufhaus lohnt sich, es ist auch eine Zeitreise in die Kindheit!

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10. August 2010

Gedanken des Bildhauers Bernd Stöcker über Werner Otto

Bernd Stöcker ist 1952 in Bremen geboren und in Hamburg-Wandsbek  aufgewachsen.

Zunächst studierte er Bildnerisches Gestalten und Erziehungswissenschaften in Hamburg. Nebenbei in der Volkshochschule lernte er Holzbildhauerei bei Heinz Schrand und in einem anderen Kurs Aktzeichnen.

Bernd StöckerAb 1977 studierte Bernd Stöcker bei Alfred Hrdlicka in Stuttgart. Bei ihm lernte er das figurative Gestalten.

Seit 1983 lebt und arbeitet Bernd Stöcker mit seiner Familie in Passau. Ja, die Liebe hat ihn dort festgehalten.

Eine sehr bekannte Skulptur von Ihm steht auf dem Wandsbeker Marktplatz: Der Freudensprung. Matthias Claudius springt über eines seiner Kinder! Viele andere Skulpturen von Bernd Stöcker stehen hauptsächlich im Wandsbeker Raum.

Aber auch viele andere Werke bereichern Deutschland entlang vom Norden in den Süden. Das letzte Hamburger Werk von ihm ist eine Bronzeplastik von Werner Otto anlässlich seines 100. Geburtstages im vergangenen Jahr 2009.

negative GipsformDie Plastik vom „schreitendem Werner Otto“ steht vor dem Alstertaler Einkaufzentrum auf der Seite zu den Bürohäusern des ECE ausgerichtet.
Gedanken zur Entstehung vom Bildhauer Bernd Stöcker:

„Es gibt ein Ereignis im Leben von Werner Otto, das für ihn wahrscheinlich prägend war. In der Wirtschaftskrise zwischen den Weltkriegen erleidet sein Vater mit seinem Geschäft Schiffbruch. Der Sohn ist fassungslos: „ Wieso hast du das nicht voraus gesehen?“ Die Folgen für den Sohn sind dramatisch. Er muss das Gymnasium verlassen, weil der Vater das Schulgeld nicht mehr aufbringen kann. Zweifellos hat diese Erfahrung Werner Otto für die Fragen der Zukunft sensibilisiert.

Patinieren des BronzegussesWer schreitet muss nach vorn schauen – wer schreitet fragt nach dem Ziel.  So entstand die Idee eines schreitenden Werner Otto als ganzfigurige Skulptur.

Ein Porträt seines Kopfes hätte die Dynamik seines Handelns kaum einfangen können. Werner Otto verstand es aber auch die Tiefen zu meistern,  indem er die Expansion seiner Unternehmungen stoppte und stattdessen bestehende Strukturen konsolidierte.

Dies brachte mich  auf die Notwendigkeit eines breiten Sockels, um der aufrecht schreitenden Figur eine horizontale, breite Basis zu geben, die diese  Figur erdet.

Zugleich bietet der massive Sandstein im Sommer auch Platz zum Verweilen für Jung und Alt. Vielleicht um ein wenig über die Vergangenheit nachzudenken, denn ohne Beschäftigung mit der Vergangenheit lässt sich die Zukunft nicht gestalten.“

Lieber Bernd, wir wünschen dir noch viele weitere frohe Schaffensjahre und lass dich hier mal wieder blicken!

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